Hamburg & Schleswig-Holstein"Auswandererstadt" vor 125 Jahren auf der Veddel gegründet

Viele Auswanderer brachen über den Hamburger Hafen mit Schiffen der Hapag-Reederei in ein neues Leben auf. Von 1901 an war ihre erste Station zur Atlantiküberquerung die "Auswandererstadt".
Hamburg (dpa/lno) - Der Hamburger Hafen ist und war für viele Menschen ein Ort des Aufbruchs und des Ankommens. Vor 125 Jahren eröffnete der Generaldirektor der Hapag-Reederei, Albert Ballin, auf der Veddel die "Auswandererstadt". Anlässlich des Jubiläums lädt Hapag-Lloyd am 9. November bei freiem Eintritt in das jetzige Auswanderermuseum Ballinstadt am historischen Standort ein, wie das Unternehmen mitteilte.
Was war die "Auswandererstadt"?
Mehr als fünf Millionen Menschen brachen zwischen 1850 und 1934 laut Auswanderermuseum über Hamburg in eine ungewisse Zukunft auf. Viele von ihnen verließen den Hafen mit Schiffen der Hapag-Reederei (Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft) deren Generaldirektor Albert Ballin (1857-1918) war.
Ab 1901 bot die "Auswandererstadt" Unterkünfte, Verpflegung und medizinische Versorgung im Hafen für Auswanderer, die mit der Hapag reisten. Auch eine Kirche, Synagoge und koschere Küchen gab es auf dem Gelände. Rund 1,1 Millionen Menschen wanderten laut Museum über die "Auswandererstadt" im Hafen aus.
Der Aufenthalt auf der Veddel dauerte in der Regel zwei bis vier Tage und war von den Schiffsfahrplänen abhängig, wie Museumsgeschäftsführer Volker Reimers sagt. Passagiere, die im Zwischendeck reisten, zahlten zwei Reichsmark pro Tag für den Aufenthalt. Für Passagiere der zweiten und dritten Klasse gab es dem Museum zufolge Hotels auf dem Gelände. Passagiere der ersten Klasse nächtigten außerhalb in Hotels. Von der Veddel ging es je nach Tide der Elbe mit dem Zubringerschiff nach Cuxhaven oder direkt über den Atlantik, sagt Reimers.
Wieso ließ Albert Ballin die "Auswandererstadt" erbauen?
Zuvor waren Auswanderer unter hygienisch schlechten Verhältnissen in Sammelunterkünften und überfüllten Herbergen in der Innenstadt untergekommen, teilte das Museum mit. Dies führte laut Reimers zu logistischem Chaos und Antisemitismus. Nach einem verheerenden Cholera-Ausbruch 1892 verhängte der Hamburger Senat strenge Einreisesperren für Auswanderer. Das ließ das Geschäft der Hapag einbrechen.
Nach Angaben des Auswanderermuseums sicherte die Reederei dem Senat zu, die Auswanderer streng zu kontrollieren und getrennt von der Hamburger Bevölkerung unterzubringen. Daraufhin öffnete der Senat die Stadtgrenzen wieder. "Albert Ballin erkannte schnell, dass er den Auswanderer-Markt nur weiter dominieren konnte, wenn er den Transport reibungslos organisierte", sagt Reimers. Das abgetrennte Areal auf der Veddel, welches einer Stadt in der Stadt ähnelte, verschaffte Ballin einen Wettbewerbsvorteil.
Welche Hygienemaßnahmen gab es?
Um Krankheitsausbrüche zu vermeiden, mussten die Auswanderer laut Museum eine Prozedur aus Reinigung und Untersuchung vor dem Aufenthalt auf der Veddel durchlaufen. Auch die Hapag hatte ein großes Interesse an den Kontrollen, da die USA kranke Einwanderer nicht einreisen ließen und sie auf Kosten der Reedereien zurückschickten.
Nach dem Duschen oder Baden erfolgte eine Untersuchung auf Infektionskrankheiten, Fieber und die Augenkrankheit Trachom durch einen Arzt. Bei einem Verdacht auf Ungezieferbefall oder unzureichender Hygiene im Kopfhaar wurden die Haare kurz geschoren oder ganz abrasiert. Erst nach der Reinigung und der medizinischen Untersuchung durften die Auswanderer auf das Gelände und mussten bis zur Abreise dort bleiben. Kranke wurden bis zur Genesung in Quarantänebereiche gesteckt.
Bis wann gab es die "Auswandererstadt"?
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten änderte sich die politische Lage für Auswanderer in Deutschland. Sie suchten nach Angaben des Museums Wege über andere europäische Häfen. Außerdem verschärften sich ab den 1920er Jahren die Einreisebedingungen in die USA. Die Passagierströme nach Hamburg brachen dadurch ein. Das Museum erklärt, dass die Anlage für die Reederei wirtschaftlich nicht mehr tragbar war und an die Stadt Hamburg abgegeben wurde. Von 1934 an wurde das Gelände von der nationalsozialistischen Waffen-SS genutzt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs diente das Gelände von 1945 an zunächst einer britischen Transportkompanie als Stützpunkt. 1948 übergab das britische Militär die Anlage wegen Wohnungsnot an die Stadt und eine Notunterkunft entstand. Im Laufe der Jahrzehnte wurden die meisten Baracken abgerissen. Seit Juli 2007 erinnert das Auswanderermuseum Ballinstadt an die Geschichte der "Auswandererstadt" auf der Veddel.
Wie wird das Jubiläum gefeiert?
Am 9. November - Ballins 108. Todestag - können Interessierte zwischen 10.00 und 16.30 Uhr kostenlos das Auswanderermuseum besuchen, wie das Museum mitteilte. Zusätzlich werde es zwei Führungen über das historische Gelände mit Tablets geben. Das Museum zeigt die Geschichte der Auswanderung in Hamburg, stellt Auswandererbiografien vor und widmet sich der Persönlichkeit Albert Ballin.
Bereits am Mittwoch ist anlässlich des Jubiläums im Rathaus ein Senatsempfang geplant. Dort werden Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard (SPD), Hapag-Lloyd-Chef Rolf Habben Jansen und der Publizist Michel Friedman sprechen, wie Hapag-Lloyd mitteilte.