"Widerstand gegen Systeme"Alternativer Nobelpreis für KI-Expertin, Juristinnen und Kleinbäuerinnen

Sie widersetzen sich mächtigen KI-Konzernen und Regierungen: Der Alternative Nobelpreis ehrt in diesem Jahr Frauen und von Frauen geführte Organisationen. Alle Preisträgerinnen zeigten, dass Menschen "nicht machtlos sind", heißt es zur Begründung.
Für ihre Forschungen zu Künstlicher Intelligenz (KI) wird die US-Expertin Timnit Gebru in diesem Jahr mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Sie habe mit ihrer Arbeit die "Machtkonzentration" der KI-Branche aufgezeigt, teilte die Right-Livelihood-Stiftung in Stockholm mit. Auch habe Gebru selbst Pionierarbeit für digitale Technologien geleistet, die auf "Gerechtigkeit, gelebter Erfahrung und menschlicher Selbstbestimmung" aufbauten. Ausgezeichnet werden zudem die pakistanische Menschenrechtsanwältin Jalila Haider sowie von Frauen gegründete Organisationen aus Georgien und dem südlichen Afrika.
Die 1983 in Äthiopien geborene Gebru war im Alter von 15 Jahren mit ihren aus Eritrea stammenden Eltern in die USA geflohen. Sie ist die Gründerin des KI-Forschungsinstituts DAIR. Das Institut hatte laut der Right-Livelihood-Stiftung schon vor den Warnungen führender KI-Entwickler "Schäden" durch KI-Systeme im Alltagsleben nachgewiesen - vor allem im Alltag von Menschen, die ohnehin von Diskriminierung und Ausgrenzung betroffen sind. Gebru gründete auch die US-Organisation Black in AI mit, die sich für die Beteiligung von mehr Schwarzen an der KI-Entwicklung einsetzt.
Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Gebru im Jahr 2020, als sie nach einem Streit über eine Studie zu den Risiken großer KI-Sprachmodelle von ihrem damaligen Arbeitgeber Google gefeuert wurde. Mit ihrem Institut DAIR zeigt sie der Right-Livelihood-Stiftung zufolge nicht nur die Risiken der von großen Unternehmen entwickelten KI-Systeme auf, sondern arbeitet auch an Alternativen. So habe ihre Forschung die Debatten beeinflusst, "wie und zu welchen Zwecken KI entwickelt und reguliert wird".
Pakistanische Anwältin setzt sich für Hazara ein
Die pakistanische Menschenrechtsanwältin Jalila Haider wird für ihren Einsatz für die Minderheit der Hazara ausgezeichnet, der sie auch selbst angehört. Nach Angaben der Right-Livelihood-Stiftung ist sie die erste Rechtsanwältin der Hazaras, die in Pakistan immer wieder Opfer von Gewalt werden. Haider habe unter anderem mit einem Hungerstreik dazu beigetragen, die "gefährdetste" Bevölkerungsgruppe vor "staatlicher Repression, patriarchalen Normen und ethnischer Gewalt" zu schützen.
Einen Alternativen Nobelpreis erhält auch der Georgische Verband Junger Juristen (GYLA). Er wird für den "Aufbau und Schutz der georgischen Demokratie und die Stärkung der Zivilgesellschaft" angesichts der zunehmend autokratischen Entwicklung in der Ex-Sowjetrepublik ausgezeichnet. Die 1994 nach der Unabhängigkeit Georgiens gegründete Organisation war an der Ausarbeitung der ersten Verfassung des Landes beteiligt und bietet bis heute Rechtsberatungen an. Vor Gericht setzt sie sich vor allem für die Durchsetzung von Grundrechten ein, etwa von Kindern und Menschen mit Behinderungen.
Ausgezeichnet wird zudem die Rural Women's Assembly (RWA), ein Zusammenschluss von mehr als 178.000 Kleinbäuerinnen aus elf Ländern im südlichen Afrika. Die Frauen bezeichnen sich selbst als "Hüterinnen von Land, Leben, Saatgut und Liebe". Sie kämpfen laut der Right-Livelihood-Stiftung gegen große Agrarkonzerne und patriarchale Strukturen. Dabei wollen sie den Angaben zufolge das Recht von Frauen auf ihr eigenes Land, ihr eigenes Saatgut und ihre körperliche Selbstbestimmung durchsetzen.
Stiftung: Mensch gehört in den Mittelpunkt
Was die Preisträgerinnen verbinde, ist laut der Right-Livelihood-Stiftung "der Widerstand gegen Systeme, die Menschen an den Rand drängen - und die gemeinsame Überzeugung, dass der Mensch wieder in den Mittelpunkt gehört". Alle Preisträgerinnen zeigten, "dass die Anliegen, für die sie stehen, und die Menschen, für die sie einstehen, nicht machtlos sind", sagte Stiftungsdirektor Ole von Uexküll.
"Macht muss nicht auf Hierarchie und Gewalt begründet sein. Sondern Macht ist auch die Fähigkeit, zusammenzuhalten, zusammenzuarbeiten, allen eine Stimme zu geben." Die diesjährigen Preisträgerinnen, konfrontiert mit Ausbeutung und Gewalt, stünden dabei für "grundlegende menschliche Werte wie Kooperation, Freiheit, Frieden mit der Natur". Die Hegemonie liege aber zurzeit bei einem System, das diese Werte "alle an die Ränder drängt".
Die Right Livelihood Awards wurden 1980 vom schwedisch-deutschen Philanthropen Jakob von Uexküll ins Leben gerufen. Leiter der Stiftung ist mittlerweile sein Neffe Ole von Uexküll. Oft werden Aktivisten oder Gruppen geehrt, die nicht im Fokus der Weltöffentlichkeit stehen. Zu den bekannten Preisträgerinnen und Preisträgern zählen der belarussische Friedensnobelpreisträger Ales Bjaljazki, der kongolesische Gynäkologe Denis Mukwege, die iranische Anwältin Nasrin Sotudeh, der frühere US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden und die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg.